Mittwoch, 9. Februar 2011

#26 Guatemala und Belize


An der Grenze angelangt, sprachen wir mit einem super lieben und offenen Grenzbeamten, der sofort Feuer und Flamme für unsere Reise war und sich dann auch samt Zeitung mit uns ablichten wollte. Die Stimmung war anders als in Honduras, alles schien noch viel relaxter, entspannter zu sein.
Die Menschen lachten sich auf den Straßen an und es gab mehr Motorradfahrer als Autos und Radfahrer zusammen genommen, selbstverständlich trug dabei niemand einen Helm und das teilweise mit bis zu vier Personen auf zwei Rädern! Wir sahen fröhliche Kinder auf der Straße spielen die uns willkommen hießen und durften in einem Restaurant recyceltes Essen kochen und wurden wieder einmal herzlich von den Feuerwehrleuten aufgenommen die uns ein wunderschönes Zimmer stellten.
Der einzige Hafen Guatemalas auf der Atlantikseite ist Umschlagsort von Millionen von Bananen und anderen Früchten für den Export, die Arbeit dafür ist schlecht bezahlt und in Europa und anderen reichen Ländern wird aus ihnen derbe Gewinne geschlagen. Multikonzerne wie Chiquita oder Dole sahnen den Profit ab und lassen dafür das Volk Guatemalas leiden. Der gemütliche Ort am Meer hatte den Charmeeiner Karibikinsel und ein großer Teil der Einwohner sind Farbige die mit ihrer urgemütlichen Art den Ton angeben!

Als wir nach einer Bäckerei fragten ging es auf unbeleuchteten Wegen hin zu dem Anlaufspunkt der Nacht, denn nach der Wegbeschreibung sollten wir Ausschauhalten wo viele Fahrräder parken und so fanden wir rund ein Duzendabgestellter Drahtesel sowie deren geduldige Besitzer in der Bäckerei. Alles war ausverkauft und so wartete man eben ein wenig auf Neues, es wurde sich unterhalten, gelacht und es schien für jeden einzelnen das Normalste der Welt zu sein, denn hier ist Zeit noch kein Geld und die Stimmung war sehr gechillt. Ich dachte mir im Inneren wieviel können wir Deutsche da noch lernen, einfach alles gelassener und entspannter zu nehmen, ohne sich zu stressen, ohne den Anspruch zu haben alle Güter und Produkte immer zu jeder Tageszeit verfügbar haben zu wollen. In der “zivilisierten Welt” wo ich herkomme geht man eben zur Konkurrenz wenn die Bäckerei kurz vor Ladenschluss nicht die Regale gefüllt hat, wir können gar nichtgenug bekommen, alles muss immer frisch sein, eine breite Auswahl muss zur Verfügung stehen und fragen uns dann noch warum über die Hälfte des Brotes in unseren Breiten Graden

weggeschmissen wird. In weniger als fünfzig Jahren hat sich unser Land, ja ganz Europa sowie weite Teile der Welt von einer Mangelwarengesellschaft zu einer krassen Überfluss- und Wegwerfgesellschaft entwickelt und wir akzeptieren es nicht nur sondern unterstüzen diese Entwicklung aktiv, fast jedes Mal wenn wir irgendwo, irgendetwas einkaufen. Die liebe Bäckerin erklärte uns das hier fast nichts an alter Backware anfällt und wies mit ihrem Finger nur in die Ecke wo eine kleine Tüte mit etwas Resten lag. Bei unser nächtlichen Essensfindetour begegneten wir einer Besitzerin von einem kleinem Hotel, die uns sogleich Unterkunft anbot, doch die hatten wir schon gefunden und so bestand sie darauf das wir wenigstens bei ihr zum Frühstück vorbeikommen sollten! Man erzählte uns wie viel Gewalt und Tote es hier jeden Tag gibt, alleine in der Region werden im Schnitt drei Personen pro Tag ermordet! Auf dem Weg zur Frühstücksverabredung sahen wir

auf der Straße neben dem Hafengelände eine Menschentraube die sich um einen Verkehrstoten scharrte, denn ein zu schneller mit Bananen geladener LKW hatte ihn übersehen und in den Tot gerissen; weltweit sterben im Autoverkehr mehr als 1,2 Millionen Menschen und mehr als 400 000 Millionen werden verletzt, eine traurige aber wahre Statistik. Von den Feuerwehrmänner hörten wir wie in der Nacht einem aus dem Ort der Hals mit einer Machete abgetrennt wurde, dabei schien das nichts Neues hier zu sein. Vorbei an vollkommen verdreckten Straßen und kleinen Müllbergen, die die Hausbewohner vor ihren Hütten ansammelten bevor sie verbrannt werden ging es zum Hotel. Morgenstimmung hat immer Gold im Mund und so beobachteten wir das reiche Treiben auf den vornehmlich sandigen Böden. Wie in den meisten Ortschaften und Städten Lateinamerikas ist die Planung der Straßenverläufe quadratisch, wie ein Schachmuster und dann erreichten wir auch schon unser Ziel. Neben unserer Gastgeberin speisten zwei motivierte Guatemaler die eine Umweltorganisation für mehr Bewusstsein und Respekt für die Natur gründen wollten, es stoßen dann noch ein Vater und seine Tochter hinzu, beide Journalisten und mit Aufnahmegerätenausgerüstet um uns zu interviewen. Zusammen ging es anschließend samt der Hotelbesitzerin zur Immigrationsbehörde, dort angekommen wollten sie uns helfen das wir keine Ausreisegebühr bezahlen mussten, doch bis zur Abfahrt unseres Bootes nach Belize gab es nicht mehr viel Zeit und so warteten sie auf uns während wir zu dem Chef der Transportfirma Chato gingen; auch hier ließ man uns nicht lange bangen, El Chato der Besitzer des kleinen Bötchen sagte sofort “si” und das es kein Problem sei solange genügend Platz an Bord sei.


Wieder zurück bei der Behörde strahlte uns die Hotelbesitzer an und sagte das alles mit den Kosten erledigt sei, wir könnten gratis ausreisen; gerade als wir die Ausreisestempel in unsere privilegierten Ausweise der Europäischen Union bekamen, klingelte das Handy des Journalisten und er war ganz mitgenommen von der traurigen Nachricht die ihm übermittelt wurde, seine Tochter brach in den Tränen aus - ihr Cousin wurde soeben vor seinem Haus ermordet aufgefunden! Wir waren geschockt und uns wurde klar dass der Tot einem hier viel näher ist als im sicheren Europa oder friedlichen Asien. Besonders entsetzt waren wir über die Reaktion vom Journalisten der sofort eine andere Verwandte anrief und ohne Vorwarnung und kalt zum Punkt kam: “Ja weißt Du schon das Jorge umgebracht worden ist?”. Ich umarmte und tröstete seine Tochter um die er sich vor lauter Telefonieren gar nicht kümmerte und dann fuhren sie auch

schon auf dem Roller zum Ort des Geschehens. In vielen Zeitungen und Fernsehkanälen Lateinamerikas sind die blutigsten und abscheulichsten Bilder die meist gefragtesten, die nämlich füllen die Fernsehnachrichten und Titelseiten der Zeitungen und sind aus unserem Augen mitverantwortlich für die Abstumpfung gegenüber der Brutalität und Gewalt die in diesen Ländern sehr viel verbreiteter ist als in Europa und Asien z.B..
Mit einem Affenzahn ging es zu dem südlichsten Zipfel Belizes, Punta Gorda hieß der Küstenort und wir wurden freundlich von der hauptsächlich Englisch und Kreolisch sprechenden Bevölkerung empfangen. Das Zwergenland mit gerade einmal 340 000 Einwohnern ist besonders in der Region, erst seit 1981 unabhängig von Großbritannien, aber immer noch Mitglied des Commonwealth of Nations. Auch wenn wir auf dem Festland waren kamen wir uns vor wie auf einer Karibikinsel, Rastamänner schlenderten gemütlich durch die Straßen, Palmen mit Kokosnüssenschmückten die Gärten und wir fühlten uns sehr wohl. Die Häuser Belizes sind überwiegend aus Holz gebaut und obwohl die Menschen nicht wohlhabender als in anderen Zentralamerikanische Länder sind fühlten wir, dass es wenig extreme Armut gab. Es herrschte weniger Kriminalität als in den Nachbarsländern, viele Türen der Hütten standen weit offen, Kinder strolten durch die Straßen und man genoss von der Veranda aus die ruhigen Straßen wo ab und zu jemand per Fahrrad vorbeikam und man sich begrüßte. Wir besuchten eine kleine Organisation die sich für

nachhaltige Landwirtschaft einsetzte und waren froh das es wirklich überall auf der Welt Gruppierungen gibt die sich für unsere Mutter Erde stark machen. Wir mussten in die wohl kleinste Hauptstadt Amerikas, nach Belmopan wo gerade einmal 15 000 Menschen leben, denn dort waren die Ministerien und wir wollten diesmal bevor es zu Geldproblemen an der Grenze kommt mit den Behörden sprechen damit wir nicht die 15$ Ausreisesteuer zahlen müssen. Wir waren gerade an einem schönen Springfoto vorbereiten als schon das erste Auto für uns anhielt. Unser Fahrer arbeitet für das Gesundheitsministerium und fuhr uns direkt zur Hauptstadt. Die Landstraßen sind neu und in bester Qualität, links und rechts neben der Straße sehen wir wunderschöne einfache Häuser die aus Holz und großen Blätter die man vor Ort finden kann gebaut wurden, immerhin noch 10% der Bevölkerung sind Indigene und scheinen noch recht frei von der so omnipräsenten Konsumwelt zu leben. Unser alleinstehende Fahrer verdient rund zehn mal soviel wie der

Durchschnittsbelizianer, aber er beschwert sich bei uns das einfach alles zu teuer sei und er mit seinen 2500$ plus Betriebswagen praktisch nicht über die Runden kommt. Es gibt Menschen die können eben nie genug bekommen und glauben das sie eben immer nur ganz nah dran sind an dem ultimativen Gehalt, Haus, Auto usw. aber sie werden nie 100% zufrieden sein, nie schätzen was sie haben, ihre Gesundheit, Familie, Freunde und die Freude an den einfachen Dingen; weniger ist eben doch mehr und wir können innerlich nur schmunzeln, denn wir sind sehr glücklich und vollkommen erfüllt mit dem wenigen was wir haben - im Englischen nennt man das “voluntary simplicity” (freiwillige Einfachheit).
Es ist schon spät und wir suchen einen Platz zum schlafen, wie immer machten wir uns zunächst auf den Weg zur Feuerwehr, doch die ist so klein das in der Garage gerade halbwegs das Feuerwehrauto Platz findet. Bei der Polizei hört man uns liebevoll zu und nachdem wir auch im Krankenhaus kein Glück hatten, nimmt sich eine Polizisten ein Herz und erledigt einen Anruf, dann fahren sie uns etwas raus aus dem Ort hin zu einer Grundschule wo wir in einem der

Klassenräume schlafen dürfen. Müde und erschöpft lassen wir unsere Köpfe nieder. Am nächsten Tag machen wir uns auf die Suche nach der Immigrationsbehörde, doch wir wurden nur von einer Behörde zur Nächsten geschickt, von einem Büro zum Anderen, bis wir endlich bei einer super lieben und engagierten Frau namens Diana landeten, sie ist verantwortlich für die Steuerbefreiung von Kirchen und Organisationen. Sie hört uns interessiert zu und bietet uns sofort ihre Hilfe an, nach ein paar Anrufen, wobei sie unsere Reise als Humanitäres Projekt am Telefon vorstellt, hat sie den Verantwortlichen von der Grenzbehörde am Apparat. Diana nimmt unsere Daten auf, lässt von ihrer Sekretärin ein Fax aufsetzen und das wars auch schon, an der Grenze sollten wir bloß unseren Namen nennen. Wir waren ganz gerührt von ihrer uneingeschränkten Hilfsbereitschaft und erfreut das wenn man nur mit den richtigen Menschen in Kontakt kommt alles möglich ist! Nieves und C. bekommen dann noch einen Wisch für eine kostenlose Untersuchung von dem Fahrer vomGesundheitsministerium, denn ihre Bäuche waren immer noch geschwächt. Per Expressfahrt von einem aufgeschlossenen Franzosen ging es in die eigentliche Hauptstadt des Landes, Belize City! Hier tobte das Leben - zumindest für Belizianische Verhältnisse und wir

machten uns auf die Suche nach Essen, in einem kleinen süßen Restaurant wurden wir dann zu feinstem Essen eingeladen und genossen die familiäre Atmosphäre sehr. Noch ein weiterer der nur wenigen Tische der Gaststätte war belegt, mit US-Amerikanern die gerademal für einen Tag in Belize anhielten, sie waren Kreuzschifffahrer und als wir ihnen erzählten das wir ohne Geld unterwegs seien erfreuten sich besonders einer von der Seniorentruppe so vom ganzen Herzen denn er hatte von den Freegans gehört. Die internationale Bewegung von Menschen die wie wir versuchen das kapitalistische System so wenig zu ernähren wie möglich um so wenig Schaden an der Mutter Erde und den Menschen anzurichten wie es eben in unseren Kräften steht. Das Wort selber stammt aus dem Englischen und setzt sich aus “free” für frei und “egan” für “Vegan” zusammen, denn ein richtiger Freegan verzichtet komplett auf tierische Produkte, was vielleicht nicht immer leicht klingt aber am Ende sehr einfach ist, denn ein Wille gepaart mit der tiefen Überzeugung für etwas kann Berge versetzen, sonst hätten wir es auch nicht nach von Holland nach Belize geschafft. Der Grundgedanken der in den sechziger Jahren aufkommenden

Bewegung ist es umweltfreundlicher zu leben, so wenig Müll wie möglich zu produzieren und seinen eigenen ökologischen Fußabdruck zu verringern. Geben und Nehmen ohne dassdabei Kontakt mit Geld zustande kommt ist das Motto der Freegans um so die kostenlose oder freie Wirtschaft zu kreieren. Dabei gilt es nicht nur Essen aus der Tonne zu retten, sondern sich umsonst per Anhalter zu bewegen kostenlos zu wohnen und vieles mehr was jede im alltäglichen Leben machen kann um weniger Schaden in der Welt anzurichten. Der US-Amerikaner war so froh das er endlich echte Freegans kennenlernte das er uns umarmen wollte was wir natürlich herzlich gerne machten. Die Nacht verbrachten wir bei einem Freund von einem Freund eines Freundes, der der Chef von DHL-Belize ist, sein Geschäft läuft gut, denn obwohl das Land kein bekanntes Steuerparadies ist, gibt es hier viele Briefkastenfirmen die dem Fiskus entkommen wollen und deswegen viel Post von und nach Belize schicken. Am nächsten Morgen machten wir noch zwei Fernsehinterviews, sprachen mit dem Radio und hielten dann endlich wieder den Daumen raus um endlich Mexiko zu erreichen. Wieder ging es flux bis man uns mitnehmen wollte und so bahnten wir uns die letzten Kilometer bis zur Grenze. Auf dem Weg lernten wir einen Grundbesitzer kennen der Rohrzucker anbaut und auch mit Fairtrade zusammen arbeitet, als ich ihn fragte was der Unterschied zwischen Fairtradezucker und dem normalen sei, sagte er es gäbe keinen, außer das der sich

besser in Europa verkaufe, denn man fühle sich schlicht besser fairen Zucker zu kaufen. Eine weitere Illusion die die bemühten Konsumenten in den reichen Ländern zu Denken geben sollte, denn nicht überall wo bio oder fair draufsteht geht es wirklich gerechter und umweltfreundlicher zu. Dann entdeckten wir die ersten Schilder die auf die mexikanische Grenze hinwiesen, wir hatten es geschafft, nach über 300 Tagen, mehr als 300 Fahrzeugen aller Art und mehr Abenteuer als in allen anderen Reisen die wir bisher gemacht haben. Mexiko, unser Zielland seit dem ersten Tag unser Reise lag zum greifen nah und unsere Emotionen stiegen. An der Grenze ging es wie versprochen einwandfrei, man erwartete uns schon und so durften wir tatsächlich ohne etwas zu zahlen das Land verlassen und machten uns per pedes auf die letzten Meter zu laufen!


Viva Mexiko, Viva el mundo, here we come ...

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