Mittwoch, 21. September 2011

Kapitalismus Extrem, die USA - das Ende der Reise

Heiß und schwül war es und die Luft stand still als wir über die Brücke in die Vereinigten Staaten liefen; begrüßt wurden wir von einem Ortschild mit der Aufschrift “Presidio”, was auf Spanisch Zuchthaus heißt und auch wenn es in diesem kleinen verlassenen Kaff sicherlich kein Gefängnis gab, war es doch symbolisch für das Land mit den meisten Häftlingen der Erde. Über 2,5 Mio. Menschen sitzen in den USA hinter Gittern, davon sind die meisten Schwarze und Latinos, weiße Sträflinge sind in der Minderzahl. Erklärungen die wir dafür hörten rutschten oft sehr schnell in die unterschwellige oder teils sogar offensichtliche Stigmatisierung und Diskriminierung ab, denn die weißen US-Amerikaner beschrieben uns die Farbigen teilweise als “faul” und “kriminell”. Denn obwohl wir es uns meist nicht bewusst sind, haben Wörter und Gedanken über andere Menschen wahrscheinlich eine viel stärkere Wirkung, als wir heute annehmen. Leider sitzen nicht nur zwei von 100 Männern in den USA im Kittchen, sondern bleiben dort auch länger als in jedem anderen Europäischen Land. Obwohl die Todestrafe in weiten Teilen der Welt schon lange geächtet und verboten ist, wird sie in den USA immer noch ausgeübt und so verloren in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten seit 1930 schon rund 5000 Menschen ihr Leben, weitere 3000 warten auf den Tag an dem der Staat entscheidet ihnen das Leben zu nehmen.


Über 15 % aller Gefängnisinsassen sitzen in von privaten Sicherheitsfirmen betriebenen Haftanstalten, so verdienen Menschen mit diesen profitorientierten Anstalten daran wenn das “Haus” voll ist. Mehr Insassen bedeutet auch mehr Gewinn und es besteht ein Interesse daran, die Sträflinge länger hinter Gitter zu behalten. In vielen Staaten, wie z.B. auch in Kalifornien sitzt einer von sieben Verurteilten Lebenslang im “Zuchthaus” Tendenz weiter steigend. In den USA bedeutet das tatsächlich Freiheitsentzug bis zum natürlichen Tod. Seit 1980 hat sich die Zahl der Inhaftierten vervierfacht und alles sieht so aus, als ob sich daran nichts ändern würde, denn wer einmal eingesperrt war, hat es in der US-Amerikanischen Gesellschaft nicht leicht wieder einen Job zu finden. Der Eintrag im Führungszeugnis lastet schwer und lässt vielen Entlassenen nur einen Ausweg, den in die Kriminalität, wo niemand danach fragt, ob jemand schon mal schuldig oder unschuldig im “Presidio” war.


Die USA sind das Land der Extreme, das Land der Menschen die am meisten Materie angehäuft haben, dem Geldadel in unser “zivilisierten” Welt und gleichzeitig gibt es die absolut ausgestoßenen, ärmsten Menschen - es sind Verzweifelte, Verdrängte und oft psychisch sowie physisch Kranke, Veteranen, und alle sind sie Leidtragendende der Kapitalellbogengesellschaft. Es ist eine gespaltene Gesellschaft wo Geld und Kapitalgesellschaften den Kurs bestimmen und wo der Individualismus gepaart mit Materialismus seinen wahrscheinlich traurigen Zenit erreicht haben. Um nicht gleich wieder nach Mexiko geschickt zu werden versuchten wir es erst gar nicht mit den Grenzangestellten über eine Erlassung der 6$ Einreisegebühr zu verhandeln, wir verhielten uns ganz normal und erwähnten nichts über unsere Reise ohne Geld. Nach ein paar Fragen und Fingerabdrücken mussten wir noch ein Einreiseformular ausfüllen. Auf dem Formular müssen Ja/Nein Fragen beantwortet werden. Gefragt wird: ob man drogenabhängig, körperlich oder geistig behindert sei, sowie jemals wegen Betäubungsmitteln verhaftet worden ist und natürlich die obligatorische Frage, ob man an dem Völkermord zwischen 1933 und 1945 in irgendeinerweise beteiligt gewesen war. Wir waren erleichtert als wir so in unser letztes Land zu Fuß einliefen und alles schien irgendwie anders hier auf der Seite wo sich so viele Menschen das Paradies vorstellen! 

Plötzlich war alles still um uns herum, nur ab und zu hörte man das Schlucken, Spritzen und Grummeln der überdimensionierten Trucks und Pickups, die mehr als 30 Liter auf 100km schlucken. Wie vom Himmel gefallen stand da umgeben von staubigen Straßen ein großer Containerblock mit Fenstern, es war das einzige Fastfood-Restaurant in dem einsamen Dorf. Irgendwo gab es noch eine Tankstelle wo jetzt nicht mehr wie in Mexiko Tankwarte rumstanden, sondern gähnende Leere die nur durch vereinzelte Spritschluckerautos unterbrochen wurde. Da man es sich leisten kann und der gemeine US-Bürger sich nicht sonderlich gerne bewegt, bzw. seine Finger rührt, lässt man dann auch gerne den Motor an, während für umgerechnet 70 Eurocent der Tank gefüllt wird. Es war schwer von der Grenze wegzutrampen, man lachte uns zwar manchmal aus den fahrenden Autos an, aber mitnehmen wollte man uns dann lieber nicht, doch irgendwann hielt eine liebe Seele an und nahm uns mit. 

Guadelupe hieß die vor über 14 Jahren eingewanderte Mexikanerin, die uns ihr Vertrauen schenkte und uns durch die weiten Landschaften in Richtung Austin fuhr. Hier im Süden Texas sind fast die Hälfte aller Bewohner Latinos, Spanisch wird genauso viel wie Englisch gesprochen und alle arbeiten weit mehr als wir es in Europa gewohnt sind. Unsere Fahrerin erzählte uns, dass sie fünf Jahre lang 3 Jobs hatte, sie arbeitete unter der Woche 8-10 Stunden und dann am Wochenende noch mal 12 Stunden pro Tag - Ferien gab es für sie überhaupt nicht. Sie ist kein Einzelfall, gerade die Immigranten arbeiten oft rund um die Uhr und sind dennoch oft nicht krankenversichert, weil es keine Priorität für sie hat oder das Geld schlicht nicht reicht. So verdient ein typischer Fastfoodmitarbeiter ohnehin nur 8$ (5,60€) pro Stunde und wenn er noch krankenversichert sein will, bleiben ihm nicht mal 4€ pro Stunde übrig. Mit unserer fleißigen schon gut assimilierten Mexikanerin waren wir auf dem Weg zu ihrer Tochter, die in einem “Motorhome” lebt, also ein Haus auf Rädern. Zum Glück war die junge McDonaldsmanagerin erfreut, dass ihre Mutter uns mitbrachte, ihr Haus schien wie aus Pappe, alles war von schlechtester Qualität und nur kleine Nägel hielten die dünnen Wände zusammen. Selbstverständlich lief der große Flachbildfernseher, so waren ihre Kleinkinder abgelenkt und es herrschte ein gewisser Grundpegel von Geräuschkulisse, an dem wohl alle sehr gewöhnt waren.
Zum Abendbrot ging es zu McDonald, wir setzten uns alle in ihr großes Auto und auch hier wurde wieder in die Komikkiste gegriffen, um die Aufmerksamkeit auf zwei kleine LCD Fernseher, die an der Kopflehne angebracht waren, zu ziehen. Im Alter von zweieinhalb und vier Jahren ging das Dauerbeschallungsprogramm ohne Unterbrechung weiter, zu oft Realität in den USA und den meisten Teile der westlichen Welt, denn Kinder in dem Alter in den USA hängen durchschnittlich zwei Stunden pro Tag vor der Mattscheibe, dabei kamen ihre Kleinkinder bestimmt auf mehr als das doppelte. Für ihre Kinder gabs Chicken Nuggets mit einer supersüßen Sauce, Mutter und Großmutter gönnten sich etwas “gesundes”: Salat mit Hühnchenstücken. Obwohl sie hier Morgends um 5.00 Uhr anfängt zu arbeiten und dies seit vielen Jahren tut, muss sie für das “Essen” bezahlen wie jeder Gast, denn die Aktienbesitzer der mittlerweile mehr als 30.000 McDonald Filialen weltweit wollen ihren Gewinn steigern, der sich nun auf mehr als vier Milliarden Euro pro Jahr beläuft!



Am nächsten Morgen ging es für uns zunächst per pedes Richtung Zentrum des Dorfes Alpine weiter, wir begegneten dem freundlichen Postboten der ohne Aussteigen die tägliche Flut an Kreditangeboten, Rechnungen und anderer Werbung in die typischen US-Briefkasten legte. Rechts und Links der Straße wurden wir Zeugen von dem was man eigentlich nur aus US-Filmen kennt: ein Hund, ein Haus, ein oder zwei Autos und der ganze Stolz vieler Amis, die Flagge mit den 50 Sternchen. Plötzlich saßen wir in einem altem Auto und der junge Fahrer erzählte uns allen ernstes, dass er schlicht nur so umherfahre, weil ihm langweilig sei, er ist arbeitslos und weiß einfach nichts besseres mit seiner Zeit anzufangen.

Wir kamen aus dem Staunen über die US-Kultur nicht mehr raus, da kam auch schon der nächste Hammer, wir sichteten die wohl faulsten Schnellrestaurantbesucher der Welt, denn das Konzept von Sonic ist, dass man einfach parkt und dann in ein Mikro spricht, welchen Burger man eben so hineinwürgen möchte. Kurze Zeit darauf kommt einer der Mitarbeiter und überreicht den, meist schon hoffnungslos Übergewichtigen in ihren monstergroßen Fortbewegungsmitteln, ihre Auswahl. Die wird dann leider auch noch meist in einem Affenzahn in sich hineingestopft, bevor man den ganzen Abfall in Mülleimern, die vom Autofenster erreichbar sind, entsorgt.

Als wir so durch die 6000 Einwohner Gemeinde schlenderten fiel uns auf das es mehr “Restaurants” von Fastfoodketten gab als normale Restaurants. So sahen wir hunderte Bewohner des Ortes die alle in viel zu großen Autos ein- und ausfuhren um sich Mittags und dann gerne noch mal Nachmittags mit den Kalorienbomben eindeckten. Alles selbstverständlich per Drive In, was ein Pseudoanglizismus ist und eigentlich Drive-thru heißt und um 1930 zum ersten Mal in den Staaten auftauchte, mittlerweile ist die Art des Durchfahrens ein Phänomen was weltweit zu finden ist aber in wohl keinem Land so sehr verbreitet ist wie hier. Hier gibt es alle für Sitzenbleiber: Banken, Apotheken, Baumärkte, Cafes, Supermärkte, Mülleimer, Briefkästen ja sogar heiraten kann man in Las Vegas im vorbeifahren. Man spürt das Zeit ein knappes Gut ist in dem Land des “Fortschritts” und der unbegrenzten Möglichkeiten, das sich alles bewusst oder unbewusst hinzu einer Gesellschaft entwickelt wo man nur noch sitzt und wenn überhaupt Knöpfe drückt. In einem Bioladen wo jemand sich Vitampillen kaufen wollte, erwähnte die Verkäuferin das es genau die gleiche Nahrungsergänzung auch im Pulver gibt, daraufhin antwortete der gestresste Kunde er habe keine Zeit einen Löffel zu nehmen und umzurühren …


Da standen wir nun schon für Stunden auf der Straße, als plötzlich ein großer weißer Polizeiwagen stoppte, der Sheriff hatte wohl nichts besseres zu tun als unsere Personalien zu überprüfen und uns vor der Gefährlichkeit des Trampens zu warnen, am Ende verabschiedete er sich mit den Worten “God bless you”. Später schrieb er auf unsere Facebook Pinnwand ob wir gut angekommen seien und das er sich gefreut hätte uns kennen zu lernen. Andere Länder andere Sitten, aber abgesehen von der Angst mit denen die US-Bürger täglich durch die Medien konfrontiert sind und das aus guten Grund, denn nichts ist leichter Menschen durch Angst zu kontrollieren, sind die US-Amerikaner oft sehr lässig und freundlich. Wenn man so durch die Straßen läuft bekommt man immer wieder ein freundliches Lächeln geschenkt und ein: “How are you doing”, “How is it going” gewidment.

Ein authentischer Texanischer Truckerfahrer holte uns dann endlich von der Straße, er helfe wo er kann sagte der bärtige Fahrer mit einem breiten Lachen. Jeden Tag fährt er Pferde von A-B, die noch lebendigen Vierbeiner haben teilweise eine Odyssee von mehreren tausend Kilometern hinter sich denn die leidenden Tiere werden sogar von Alaska an die Mexikanische Grenze gefahren, dort dürfen dann rund 70-80% einreisen um von dort weiter bis nach Mexiko Stadt gebracht zu werden. In Mexikos Hauptstadt wartet der Schlächter auf die Pferde, zerlegt und gekühlt geht es dann oft per Flugzeug nach Frankreich und in die vielen anderen Ländern wo Pferdefleisch als Delikatesse gilt. 




Weltweit werden so über sieben Millionen Pferde pro Jahr für den Verzehr getötet. So traurig der Tod jedes einzelnen Pferdes anmutet ist die Zahl doch fast belanglos im Verhältnis zu den über 60 Milliarden Tieren die wir Menschen jedes Jahr auf dem Gewissen haben sei es für Fleisch- und Fischesser, Milchtrinker, Lederträger, Kosmetikkonsumenten und all die anderen Bereiche wie Haustiere, Medikamente, Zirkus, Eierproduktion sowie abertausende Produkte in denen Substanzen von toten Tieren verwandt wird. Die Pferde die irgendwelche Wunden, Käfer oder Zecken haben “dürfen” nicht nach Mexiko einreisen und werden dann wieder zurückgekarrt, das sind dann aber meist “nur” 10-20!
Es war schon relativ spät als wir in Forth Stockton, einem kleinem verlassenen Ort mit mehr Hotels als Einwohnern, ankamen. Wir versuchten noch bis die Sonne ganz lange Schatten wurf eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, doch als die letzten Strahlen ausblieben, machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft für die Nacht denn es war kühl und windig draußen. Wir fragten in Hotels und Motels ob wir irgendwo wo wir nicht stören würden schlafen könnten bzw. ob es irgendwo Platz gäbe wo wir im trockenen die Nacht verbringen könnten. Leider war es schon zu spät und all die Verantwortlichen waren schon nach Hause gegangen und so blieb uns nur weiter zu fragen. Irgendwann gingen wir dann in das Hotel Candelwood Suites und auch hier erzählten wir von der Reise sowie das wir uns für mehr wahrhaftiges ökologisches Bewusstsein einsetzen. Ein Hotelgast der nach uns hineinkam und noch interessiert die Hälfte des Gesprächs mitbekam lud uns für die Nacht auf ein Zimmer ein. Die liebe Frau lebt schon seit über einem Jahr in dem Hotel und ihre Firma, die Windräder in der Gegend installiert, zahlte somit das Zimmer. Es war ein erschreckender Anblick als wir das edle Hotelzimmer betraten: Flachbildfernseher, Kühlschrank, Mikrowelle, Spühlmaschine und die obligatorische Klimaanlage gehörten zum Inventar. Eine Energieverschwendung vom feinsten und die meisten Dinge bleiben fast gänzlich unbenutzt.

Am nächsten Morgen dauerte es nur wenige Minuten und da nahm uns auch schon ein alter Van voller Musiker mit. In Texas gibt es in weiten Teilen keine Helmpflicht und auch Anschnallen ist nur vorgeschrieben, wenn es Gurte gibt. Wir gesellten uns auf den Boden zu den schon vier Sitzenden und dem Hund, der es sich gemütlich machte. Es  wurde eine wunderschöne, sehr heitere und musikalische Fahrt nach Austin. Auf endlosen Highways und Landstraßen ging es vorbei an karger Landschaft, Windrädern, Ölfeldern und Farmen. Anstatt Benzin zu bezahlen sprachen die Musiker lieber die Autofahrer auf den Tankstellen an oder spielten ein Ständchen um ein wenig Benzingeld zu ergattern. So hielten wir alle 30-50min. an einer Tankstelle und näherten uns so per Stop-and-Go unserem vorläufigem Zielort. Wir trafen noch alte Texaner die sogar noch das lustige Texas-Deutsch sprachen. Wie hätte es nicht anders sein können, wurden wir von einem Sheriff mit echtem Cowboyhut angehalten. Unsere Pässe wollte er überhaupt nicht sehen, sein Akzent und sein Auftreten waren texanischer als die benzinschluckenden Trucks. Der Mann mit dem Sherrifstern an der Brust  spielte ein wenig mit seiner Macht und sagte, nachdem er die Ausweise von unserer Band kontrolliert hatte, dass wir ein Problem hätten: “Einer von euren Ausweisen stinkt nach 20 Pfund Marihuana, jetzt ist nur die Frage, wer das Gras dabei hat?!”. Unsere etwas eingeschüchterten Musikos konterten, dass sie überhaupt nichts Illegales bei sich hätten, woraufhin der Sheriff mit einem Lächeln sagte: “Seid ihr also eine Mormonenband auf Tour oder was?


 Ich kenne die Sorte von euch doch genau und weiß jedes Auto mit Bands in Richtung Austin hat Gras an Bord und selbst wenn ihr jetzt nichts dabei habt, werdet ihr es euch besorgen sobald ihr angekommen seid!”. Friedlich durften wir weiterziehen und konnten uns eigentlich nur über Texas lustig machen. Das ist jedoch nur möglich, wenn dabei keine Augen des Gesetzes zuschauen, denn hier stehen doch tatsächlich Schilder wo draufsteht "Don't Mess with Texas" (engl. "Leg' Dich nicht mit Texas an"). Man sollte es auf jeden Fall ernst nehmen, denn in keinem anderen der fünfzig Staaten wurden so viele Menschen hingerichtet wie hier. In dem Cowboyhutstaat ist alles ein wenig anders und vor allem größer. Hier werben die Hotels auch mit großen Lettern für ihre überdimensionierten Hotelzimmer: ”Texas size Rooms”, was ganz dem Geiste des Ölstaates entspricht. Kurz vor Austin begann der Motor zu pusten, Rauch stieg auf und wir rollten quasi nur noch so in die liberalste Stadt Texas, bevor wir vor Sorge einer Rauchvergiftung lieber ausstiegen. 

Unsere lieben Freunde stellten sicherheitshalber mal all ihre Instrumente auf die Straße, denn sie hatten Angst das die Kiste gleich in Flammen aufgeht. Ganz freundlich hielt auch gleich noch jemand an und sicherte die Gefahrenstelle. Wir schoben den alten Wagen die letzten hundert Meter und dann holten uns auch schon unsere lieben Freunde Leah und Andi ab. Es wurde ein wunderschönes Wiedersehen und zu hause bei Ihnen bekamen wir unser eigenes frisch gemachtes Zimmer! Das war genau was wir und gerade Nieves jetzt brauchten. Mit der Schwangerschaft, all dem Hin-und-her, dem Warten und der Ungewissheit, war es nicht immer leicht. So beschlossen wir, schnellstmöglich wieder nach Europa zu kommen. In den nächsten Tagen versuchten wir die Presse zu kontaktieren, besuchten kleine und große Flughäfen, sprachen zu Piloten, schrieben in Foren und mailten sehr vielen Menschen aus Couchsurfing an. Wir erhofften uns Informationen über das kostenlose Reisen nach Europa per Flugzeug oder die ersehnte Mitfluggelegenheit. Doch wir hatten nicht gerade den besten Zeitpunkt erwischt, die Medien waren voll und ganz dem super GAU in dem Atommeiler Fukushima zugewandt. Man sagte uns, dass es einfach zu wenige Privatjets gäbe, die von hier bis nach Europa fliegen. Nach einem Tag auf dem privaten Flughafen wurde uns auch ganz freundlich gesagt, dass wir bitte nicht wieder kommen 
sollten, denn es hatte eine Beschwerde gegeben, weil wir einen fremden Menschen einfach so angesprochen haben. Derjenige, der sich in der privilegierten Wartelounge auf den Schlips getreten gefühlt hat, war wohl ein frustrierter Reicher, der sich in seiner Ruhe und Eitelkeit angegriffen fühlte. Dennoch war es eine spannende Erfahrung, wenigstens versucht zu haben mit dem Flieger zu trampen. In Austin bewegten wir uns viel per Anhalter, denn die Strecken waren teilweise einfach viel zu lang um sie zu Fuß zu bewältigen. Ein Mal fragten wir an einer roten Ampel einen jungen Mann, ob er uns in Richtung Zentrum mitnehmen könne. Daraufhin fragte er uns vollen Ernstes: “You not gonna kill me?” (engl. “Ihr werdet mich auch nicht umbringen?”), die Angst steckt tief in den Knochen der Mediengeplagten US-Amerikanern. Obwohl es hier viel sicherer ist, als in weiten Teilen Lateinamerikas, war es das Land, wo wir am meisten auf eine Mitfahrt warten mussten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Mehrheit der Menschen, die wir an Kreuzungen fragten, nicht mal ihr Fenster herunterließen um mit uns zu sprechen. Panik und Abschattung, Angst und Schrecken, das beste Konzept um die Massen zu kontrollieren um uns Menschen voneinander fernzuhalten.


 Des weiteren sollen wir mit Vorurteilen und künstlicher Furcht vor einem Feind konditioniert werden, die nur in unseren Köpfen existieren.
Die Vereinigten Staaten sind Weltmeister in vielen Disziplinen, hier gibt es die größten Materialisten, also Menschen, denen alles wichtig ist von ihrer äußeren Körperhülle, über Klamotten, Statussymbole usw.. Gleichzeitig kann man hier die größten Gruppierung von Spirituellen finden. Am Wichtigsten ist für sie der Einklang der Seele, anstatt die äußere Hülle.  Ein trauriger Rekord ist der erste Platz auf der Liste als größter Resourcenvernichter unser Erde. Hier wird mehr gekauft und weggeschmissen als irgendwo anders auf der Welt, hier wird sich krank geshoppt und gegessen. Nirgendwo sonst gibt es so viele Übergewichtige wie im Land der Unbegrenzten Essmöglichkeiten, meist auch gerne rund um die Uhr, oder wie es hier so schön heißt 24/7. In den USA gibt es mehr als 200 verschieden Fast Food Ketten, mehr als 150.000 Fast Food Restaurants in denen jeden Tag mehr als 50 Millionen Super Size Hungrige speisen. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung tragen zu viele Kilos mit sich herum und machen es so das übergewichtigste Land auf Erden. Man könnte ja meinen, dass sie bei soviel Appetit nichts auf dem Teller stehen lassen, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine Faustregel die nicht nur in den USA der Wahrheit entspricht, umsomehr konsumiert wird, umsomehr Lebensmittelreste fallen auch an. Weltweit werden über 30% aller Lebensmittel verschwendet, hier im Staat der Sterne ist es sogar mehr als die Hälfte! 


Leider ist die Denkweise der meisten Restaurants oder Ladenbesitzer sehr “corporate”, so funktionieren deren Herzen meist wie ein Regelwerk der jeweiligen Aktiengesellschaft. Man könnte ja vor Gericht dafür haftbar gemacht werden wen man krank wird von dem Essen was für den Müll bestimmt ist, bzw. was wir aus der Tonne fischen könnten. Trotzdem gab es immer liebe und herzliche Menschen und hier überproportional viele Latinos, die sich nicht um solche bürokratischen Fußfesseln kümmerten und uns die Reste gaben oder uns schlicht mit Freude einluden.Wir machten uns auf den Weg nach Houston, einem großen internationalen Luftfahrtkreuz, mit Leichtigkeit ging es für uns raus aus der Stadt und dann wurden wir in irgendeinem texanischen Örtchen herausgelassen. Wir stellten uns wie gewohnt auf die Straße und hielten die Daumen in die Luft. Es dauerte nicht lange, da hielt jemand an, ums uns zu fragen, ob wir wüssten, dass wir fürs Trampen in den Knast wandern könnten. Selbstverständlich wussten wir nichts davon und dann kam auch schon ein Sheriff auf uns zugelaufen. Wir packten unsere Sachen und ich wollte ihm gerade die Hand geben, als er sagte “I don’t do handshakes”. Er wollte wissen, woher wir kommen und verzieh uns dann lieberweise das in dem Ort verbotene Trampen. Er meinte, wir sollten einfach zwei Meilen weiterlaufen, da hört sein County auf und da könnten wir wieder trampen. Unser nächster Fahrer ist extra für uns zurückgefahren um uns aufzugabeln, er arbeitet für die so mächtige und einflussreiche Ölindustrie in Houston. In dem Gespräch mit ihm rutschte ihm dann plötzlich heraus, dass er es hasse ein Rassist zu sein, er sei aber keiner. Uns behandelte er zum Glück mit Respekt und erklärte auch woher die ganze Angst in den Köpfen der US-Amerikaner komme. Als er aufwuchs, schloss fast niemand sein Haus oder Auto ab, doch dann kamen irgendwann die nationalen Nachrichten in die Glotze, sprich egal wo es in den USA ein Überfall, Einbruch oder Verbrechen gab, wurde es gezeigt und so peu a peu die Angst vor dem Unbekannten, vor Fremden geschürt. Obwohl er sich darüber vollkommen bewusst war, hat ihn die Angst auch längst ereilt. Er selbst wohnt mittlerweile in einer "Gated Community", also ein von der Außenwelt durch Zäune, Kameras und Sicherheitspersonal abgeschottetes Gelände, wo die Reichen unter sich sind. Da gibt es nur Villen mit 400m² und mehr, dass das natürlich für ihn und seine Frau, bzw. den obligatorischen Hund, den man als Frau dieser “Klasse” mit Silikonbrüsten auch haben muss, zu groß ist, ist ihm auch bewusst. Leider ist aber laut ihm kein Wohnen in Gegenden mit Latinos oder Afroamerikanern möglich, da es viel zu gefährlich sei. Da es in den “Privatgefängnissen” mit künstlich angelegten Seen und Springbrunnen keine kleineren Häuser gibt, blieb ihnen nichts anderes übrig, als in ein energiefressendes Haus zu ziehen. 

Ganz lieb brachte er uns dann noch zu Daivi, einer Couchsurferin, die uns erst ganz kurz zuvor schrieb, das wir gerne bei ihr im Haus schlafen können. Am nächsten Tag ging es für uns mit unser lieben Gastgeberin zur “Dance Evolution”, einer Gruppe von 30-40 freien Menschen, die sich jeden Sonntag morgen zum freien Tanz oder auch “Estatic Dance” treffen. Bei verschiedensten musikalischen Rhythmen lassen sie für mehr  als 90min. allen Scham hinter sich. Dabei tanzt man nicht nur allein, sondern man lernt die Freiheitszone der TanzkollegenInnen kennen und so lässt sich dann ganz ungeniert im Fluss der Musik übereinander wälzen, gegenseitig massieren, anfassen und noch viel mehr. Es war eine einzigartige Erfahrung und der freiste und kreativiste Tanz, den wir je erlebt haben. Am Ende tauscht man sich im Kreis sitzend über den Tanz aus, was jeder gefühlt hat oder was ihn gerade im Leben bewegt - wunderbare Gruppentherapie und für viele wohl eine traumhafte Alternative zu dem sonst konservativen sonntäglichen Kirchengang. Die Tanzgemeinschaft war ganz angetan von unserem Anliegen der Reise und einige boten uns auch gleich an, bei ihnen zu wohnen. Wir hatten so in den nächsten Wochen die Möglichkeit und Freude bei mehreren Menschen unter zu kommen und so noch einmal einen ganz besonderen Einblick in die US-Amerikanische Gesellschaft zu bekommen.
Die meisten Amis lieben ihre in der Regel 2000-3000 Watt fressenden Klimaanlagen die hier ungelogen 24/7 laufen, ob tags- oder nachtsüber und sogar dann, wenn es draußen kälter ist als drinnen. Man hat es gerne gleichmäßig klimatisiert und lüften ist ja auch nur Zeitverschwendung. Das Problem des ständigen Kontrollwahns und Ausgewogenseins führt auch dazu, dass in den USA über 30% der Menschen Psychopharmaka schlucken um bloß keine emotionalen Gefühlsschwankungen zu bekommen. Unser Hoffnung, bald für lau über den Teich zu kommen, sank, als wir endlich via Kontakte den Bruder des CEO von Delta Airline am Telefon hatten und der uns nach einer Minute einfach einhing und nicht mal ein Funken Interesse zeigte. 
Nach Wochen des Wartens und Hoffens, eMails schreibens und Telefonate führen, die hier in den USA dank Gmail sogar auf Handys kostenlos sind, wurde es Zeit für die definitive Rückreise. Unser Engel, der uns zurück nach Europa bringen wollte hieß Franz - wieviel Herz, Zeit und Hingabe jemand für Fremde haben kann wurde uns wieder einmal stark ins Bewusstsein gerufen. Es ging nicht kostenlos, denn wir mussten eine Art Mitfliegbeteiligung in Form von Steuern zahlen, zum Glück war diese nur 10% des normalen Flugpreises. In neun Stunden ging es über den Atlantik, dorthin zurück wo das Abenteuer vor 15 Monaten begann. Inzwischen hatten uns mehr als 500 Fahrzeuge aller Art über 30 000km mitgenommen. Das Flugzeug brachte uns nach Holland um nun in Europa die größte, schönste und spannendste Reise anzutreten, die einer liebenden Familie! Franz, der für eine große Fluggesellschaft arbeitet, schlief zusammen mit uns eine Nacht bei unseren Freunden in Houston. Am darauffolgenden Morgen ging es zum Flughafen. Glücklicherweise war der Flieger nicht ganz voll, weshalb wir uns mit Franz auf drei noch leere Plätze setzen konnten. Obwohl ich eigentlich nie wieder fliegen wollte, geschweige denn direkt für Geldtransfer verantwortlich sein, war nun die Zeit für eine Ausnahme gekommen.


Wieder auf europäischen Boden stellten wir uns direkt an die Straße, um gemeinsam vom Flughafen nach Den Haag zu trampen. Schon bald hielt auch eine liebe afghanische Familie an, die uns direkt nach Den Haag mitnahmen, der Stadt wo wir das Abenteuer der Menschheit begonnen haben. Für unseren lieben Franz war es das erste Mal in ein wildfremdes Auto zu steigen. Er sagte uns danach, dass diese Erfahrung über die Menschlichkeit beim Trampen sein Herz vor Freude höher schlagen ließ! Und wie als hätten wir die Sonne aus Houston mitgebracht wurde es der wärmste Tag des Jahres, ideales Wetter um die schöne Altstadt zu erkunden! 

Auf der Essensuche erzählten wir von der Reise und unseren Beweggründen und wurden von einem Dönerladenbesitzer herzlichst eingeladen. Wir durften sogar frei von der Karte wählen. Franz konnte die Gastfreundschaft und Offenheit garnicht fassen. Nach dem Essen konnten wir in einem anderen Laden noch leckere Sandwichs in Plastik eingeschweißt vor der Tonne retteten. Franz war überwältigt und wir freuten uns mit ihm wenigstens ein wenig Reisealltag mit ihm teilen zu können. Abends wurden wir noch von unserem lieben Nicola bei Freunden bekocht, wo wir auch alle zusammen schlafen konnten. Am nächsten Morgen ging es für Franz zur Autobahn, denn er musste zum Schiphol-Flughafen und wollte tatsächlich das erste Mal alleine trampen! Ich begleitete ihn zur Autobahnauffahrt und obwohl ich ihm anbot zum Bahnhof zu bringen, versicherte er mir, dass er Vertrauen in die Menschen hätte und sicherlich bald jemand anhalten würde. Gesagt getan, nur wenige Minuten mussten wir warten, da stoppte auch schon ein freundlicher Holländer der ihn direkt bis zum Flughafen mitnahm. Franz war sehr stolz und froh in Europa keinen Cent ausgegeben zu haben und er passte sich wirklich vorzüglich an unseren etwas einfacheren Lebensstil an. Wir schlossen uns ganz fest in die Arme und dann ging es für ihn zurück in die Staaten und für uns nach Berlin. Was für eine Freude! Was für eine wunderschöne menschliche Begegnung! Ein krönender Abschluss einer Reise in die Herzen der Menschen die nur Dank solch wunderbarer Seelen wie Franz möglich ist!

Die letzten 700km vergingen wie im Fluge, schneller als je zu brausten wir über die 38 000km Marke der Reise. Vier Polen die als LKW-Fahrer in Holland beschäftigt sind waren auf dem Weg in ihre wohlverdienten Osterferien, nirgendwo sonst ist es möglich so sehr mit Bleifuß zu fahren wie in Deutschland und das noch legal. Wir waren sehr positiv überrascht über die unzähligen jungen Menschen mit Rucksäcken die an jeder Tankstelle in kleinen und größeren Grüppchen eine Mitfahrgelegenheit meist nach Berlin suchten. Es sah fast so aus als gäbe es ein Tramperrevival im Land wo vor ein paar Jahrzehnten trampen ein ganz gängiges Fortbewegungsmittel gewesen war. Auf der ganzen Reise haben wir nicht soviel Anhalter gesehen wie auf dieser Strecke! Wir können noch so vieles lernen was man früher alles besser gemacht hat und das kombiniert mit dem was wir Heute richtig machen lässt auf goldene Zeiten hoffen. Überall sieht man die großen Windräder rotieren und immer wieder ganze Dächer die mit Solarzellen gepflastert sind und so gerade die Neuen Bundesländer zu Helden der Erneuerbaren Energie macht. In Brandenburg wird wird sogar 60% des dortigen Strombedarfs aus regenerativen Energien erzeugt!
Obwohl ich auf der gesamten Reise mit keinem einzigen Fahrer Kommunikationsprobleme hatte, konnte ich mich ausgerechnet in Deutschland mit unseren polnischen Freunden nicht austauschen und dennoch hatten sie und wir unseren Spaß, denn die Herzenssprache der Liebe verstehen alle Erdenbürger! Das letzte Auto war von Markus, er fuhr uns als letzter Fahrer dieser langer Reise bis vor die Haustür meiner Eltern wo wir als Osterüberraschung auftauchten.
Wir waren wieder zu Hause und die Reise der Menschheit von Europa über Afrika, den Atlantik, Lateinamerika, Nordamerika und wieder zurück ging zu Ende. Das Leben hin zu Harmonie mit uns selbst, unseren Mitmenschen und allen Lebewesen sowie unser Mutter Natur geht dennoch weiter und ist noch lange nicht vorbei! Die Reise in uns und in die Welt hat unser Leben und unsere Weltanschauung für immer verändert, es waren die Menschen die uns geformt haben hin zu mehr Wahrhaftigkeit und einem humanen Miteinader. Es sind unsere Brüder und Schwestern die uns ihre Herzen geöffnet haben voller Vertrauen und Glauben in das Gute im Menschen! Die Liebe und das Licht unser Mitmenschen ließ unser Herz lichter und heller werden! Lieben Dank allen Menschen für Eure Unterstützung, Gedanken, Liebe, Hilfe und Freude! Dank Euch das Ihr unseren Traum wahr werden ließet und uns nie im Stich gelassen habt! Wir haben unendlich viel gelernt, uns geöffnet und haben verstanden was die wahre Schule des Lebens bedeutet.


Glaube an Deine Träume, gehe Deine Wege, habe keine Angst, nichts ist unmöglich wenn Du dran glaubst! Lasst uns die Hände geben und die Utopie des Weltfriedens leben, lasst uns gemeinsam Evolution leben hinzu integraler, holistischer Harmonie und Einklang mit allem was ist!
Licht und Liebe für Dich ♥ ☮
Dein Raphael




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