Donnerstag, 15. Juli 2010

#15 Der Beginn der neuen Reise im Nordosten Brasiliens


Wir verbrachten einige Tage bei unseren lieben Paulihno und Sandra, draußen schüttete es in Strömen wie wir es noch nie gesehen hatten, der Regen schien kein Ende zu nehmen, doch drinnen war es so nur ein weniger angenehmer und wir arbeiteten an einem neuen Internetauftritt, schöpften Energie und schrieben viel. Auf den Straßen Brasiliens herrschte eine einzigartige Atmosphäre wenn Brasilien spielte, nur vereinzelt sah man auf den sonst mit fließenden Verkehr gefüllten Straßen Autos, auch die Bürgersteige und Strände waren leer gefegt. Das Leben spielte sich hier während den 90 Minuten einzig um den runden Ball und die 11 Helden die ihn verfolgten. Es herrschte gebannte Stille auf den Straßen und Wohnungen die ihre Fenster weit offen hatten, dann passierte es, Freudenschreie, Gepfeife, Getöte, Silvesterknaller – Brasilien feierte ein Tor, Ihr Tor, sie feierten sich selbst.

So zogen wir ein weiteres Mal auf eine Tankstelle, direkt an der BR-232, die nach Teresina bzw. weiter nach Belem führt. Es sollte der längste Aufenthalt auf einer Raststätte werden, wir
machten viele liebe Bekanntschaften und hatten immer genügend zu essen, aber bis auf leer Versprechungen blieb uns nur die Hoffnung das uns irgendwann wirklich jemand mitnehmen wird. Nach fünf Tagen und Nächten nahm sich Darli ein Herz und nahm uns in seinem mit 24 Tonnen Stahl beladenen LKW in Richtung Norden mit. Sehr erleichtert und überglücklich ging es vorbei an unendlichem Grün, Tälern, Hügeln, Flüssen, großen Weiden wo vor allem Rinder grasten, Geier, Adler, Esel und Pferde, vereinzelte Häuser und Hütten und immer wieder kleine Dörfer. Es gab nur zwei Sitzplätze und so versteckte sich einer von uns immer auf dem Boden wenn wir an den ohnehin wenigen Polizeiposten, die meist nicht mal am arbeiten waren, vorbeifuhren. Brasilien schien sehr viel freundlicher außerhalb der großen Städte, keine Raststätte verweigerte uns Essen und überhaupt waren die Menschen offener und gelassener. Darli war mitte dreißig, hatte 8 Kinder und eine Frau die mit vier Kindern auf ihn im tausendkilometerweit entfernten Süden auf ihn wartete. Er fuhr wie eine Maschine, kein einzigen Fehler, kein Wehleiden, zähes durchfahren war das Motto, so wie von fast allen Fahrer hier im unendlichen Großen Brasilien. Durchfahren sollte man hier im wahrsten Sinne des Wortes verstehen, denn es ist üblich dank einer Pille die alle 6 Stunden genommen werden muss 36 Stunden am Stück zu fahren. Hier gibt es keine vorgeschriebenen Pausen, das Limit ist der eigene Körper, aufgeputscht mit Kaffee und Chemie, gesund ist das nicht, legal auch nicht, aber das System will es so, der Markt reguliert sich selbst.
Die Arbeitsbedingungen von den meisten Brasilianer sind ohnehin bescheiden und oft nicht human, seit Lula, dem „linken“ Präsidenten des Landes gibt es wenigstens einen Mindestlohn von etwas mehr als 200€ pro Monat. Wir trafen Menschen die 15 Tage am Stück arbeiteten, mehr als 12 Stunden am Tag, 2 Tage gibts dann Ferien wo sie zu ihren Familie fahren, oft Stunden entfernt, irgendwo auf dem Land. Nach der kurzen Pause gehts dann wieder los, weitere 15 Tage des Schuftens. Der Lohn eines solchen modernen Sklaven sind 510 Reales, der Mindestlohn hier in dem Land was in den letzten Jahren ein Wirtschafwachstum um die 5 % hatte. Es ist nicht schwer jemand zu finden der unter diesen Bedingungen arbeitet, denn der Wunsch, der Traum eines Großbildfernsehers, Motorrads oder einer Mikrowelle habe noch viele Millionen andere Brasilianer die noch keine „Arbeit“ gefunden haben.

Nach über 1300km ließ uns der liebe Darli dann an einem staubigen, kleinen Dörfchen raus, wie viele Ortschaften lag es direkt rechts und links neben der Straße und es begann wieder das Fragen und Hoffen, doch wir wollten den Brasilianern noch ein mal eine Chance geben und warteten direkt an der Straße mit dem Daumen in der Luft auf eine liebe Seele und siehe da, hier weit weg von der Stadt hielten man auch für uns an. So kamen wir mit 10 Autos, Lkws und Pickups in kurzer Zeit nach Belem, unser letzten großen Stadt in Brasilien, direkt am Delta des Amazonas.
Wir machten uns auf zum Flussufer, dort wo auch die Favelas der Stadt waren und entdeckten duzende Kinder und Jugendlich die mit Ihrem Drachen spielten, es schien hier wirklich eine Volkssport zu sein und die Menschen begegneten uns freundlich. Wir machten uns auf die Suche nach der Fähre die Macapa fährt, es gab nur ein Passagier- und Frachtschiff was ein mal täglich auf die andere Seite des Fluss fuhr und hier fragten wir. Ruth hieß die Chefin, wir betraten das kleine Büro, saßen uns nieder und begannen ihr von unser Reise und unser Philosophie zu erzählen, nach ein paar Minuten sagte sie nur: „Eure kompletten Namen bitte“. Nichts einfacher als das, es war herrlich und obwohl wir unsere Arbeitskraft anbaten wollte sie nichts weiter und sagte morgen früh um 11 Uhr gehts los. Mit zwei Tickets in der Tasche gingen wir glücklich und zufrieden auf Brotsuche. Es war unglaublich, selbst hier gab es überall Stahl und Eisen vor Fenster und Türen, ja sogar die freundlichen Bäckerein die uns alle was gaben schützen sich mit Gitterstäbe.
Die Ebbe war so stark das als wir in der Nacht zum Boot kamen stand es auf dem sandigen Grund, über 4 Meter hatte sich der Flusspegel nach unten bewegt. Am nächsten Morgen füllte sich das zweistöckige Boot mit immer mehr Leuten und vor allem mit Hängematten die als Schlaf- und Chillplatz während der Fahrt genutzt wurden. Fast pünktlich stachen wir dann in See, auf den größten Fluss Brasiliens, es war beeindruckend, überall gab es nur Wasser oder tiefsten Urwald, hier und da eine Hütte oder auch mal eine Ansammlung von Hütten wo auch immer gleich eine Kirche der Glaubensgemeinschaft „Asamblea de Deus“ stand.

Wir lernten gleich zu Anfang der Fahrt Joa und seine lieben zwei Töchter Neuzani und Miriam kennen, er war Prediger eben dieser Religion und es war spannend Gläubige Christen zu treffen die auch wirklich praktizierend sind und zwar nicht nur in der Kirche. Wir hatten wunderschöne Diskussionen und genossen die Fahrt in dem Labyrinth des Amazonas. Dann spielte Brasilien, es war das letzte Spiel in der WM für das Fußballbegeisterte Land, sie verloren und es
herrschte Trauerstimmung an Bord und der Kapitän ließ dies mit einem langem Signalton auch die Tierwelt im Regenwald wissen. Die Zeit verging wie im Flug, das Schiff war rammelvoll und die 160PS schoben uns kontinuierlich und ruhig durch das braune Wasser, vorbei an Boten die uns mit großen Baumstämmen entgegen kamen, Indigenen die mit Kanus die Plastiktüten gefüllt mit Kleidung einsammelten die die Menschen über Bord warfen bis es irgendwann Nacht wurde und langsam Ruhe eintrat. Es war eine sehr herzliche Atmosphäre und wir waren die einzigen die auf dem Boden schliefen.


Hier gehts zum nächsten Artikel der Reise:
#16 Amapa, der letzte Staat vor Französisch Guyana

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