Donnerstag, 15. Juli 2010

#14 Brasilien und der Wechsel der Reise


Die Straßen waren voll von Leuten, Musik war algegenwärtig, kleine und große Gruppen von Menschen die Musik liebten und man ihnen ihr Herzblut ansah spielten im alten Zentrum der Stadt, wir spürten Lebensfreude! Viel Alkohol floss in die leichtbekleideten Körper der Brasilianer und es schien als ob hier immer Fiesta wär - gegen Abend offenbartes sich uns dann die Andere Seite Brasiliens, die krasse Armut die hier in der Gesellschaft der Kontraste einen festen Platz hatte. Klebersniffende Kinder und Erwachsene, bettelnde Gestalten und eine schiere Belagerung der Straßen durch Obdachlose Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren, für die Menschen hier war es Normalität, für uns war es schockierend.

In vielen Teilen der Altstadt sahen wir alle 20m jemand der sich dicht an die Häuserwand gelegt hatte um die Ruhe der Nacht zu finden, denn mit den ersten Sonnenstrahlen und Menschen ist es vorbei mit dem Schlaf. An der alten Bahnstation gab es ein langes Dach wo mehr als 50 Menschen Schutz vor dem Regen suchten, so leben hier viele und finden sich tagtäglich in der Nacht, auf ihrem Schlafplatz wieder. Es war kaum noch Platz für weitere Dachsuchende und hinterlies einen tiefen Eindruck in unserem Herzen, soviel Armut hatten wir noch nie gesehen und wir waren bedacht den Menschen nicht in die Versuchung zu führen uns zu beklauen. In einer abgesperrten Straße unweit von der Polizei fanden wir dann ein mehr oder weniger sicheren Schlafplatz.

Wir ernährten uns von den Früchteresten der Obststände die es fast an jeder Ecke gab und sonst gingen wir auch viel zu den großen Einkaufszentren die hier "Shopping" heißen wo es immer jede Menge Reste auf den unzähligen Tellern in den mensaartigen Speisesälen gab. Die Bäckerein hatten nicht oft altes Brot für uns, aber einige Restaurants ein Herz für uns. Laufend entdeckten wir diese große Stadt, liebe Brasilianer halfen uns mehr über das Land und die Kultur zu lernen und vor allem Portugiesisch zu lernen. Hier südlich des Äquators ging die Sonne schon immer vor fünf Uhr unter und so nutzen wir die Sonnenstunden um das Brasilianische Leben zu inhalieren. Jeden Tag konnten wir uns besser verständlich machen und verstehen was die im Allgemeinen nicht poliglotten Brasilianer uns zu sagen hatten. Per pedes wagten wir es von der alten Stadt zum Strand zu laufen, bzw. dahin wo all die hunderten Hochhäuser in den Himmel ragten, auf dem Weg begegneten wir Polizisten und Brasilianern die uns vor der Gefährlichkeit des langen Weges warnten. Wir spürten das es viel Angst in der Gesellschaft gab, wenig Vertrauen und Glauben an Unbekannte, an Fremde. Schon völlig verschwitzt erreichten wir eine weitere Polizeipatroulie die hier direkt vor dem "Eingang" in eine
Favela für Ordnung sorgen, sie sagten uns es sei nicht möglich weiter zu gehen. Zum Glück kam dann auch gleich ein Polizist in seinem Privatauto und setzte uns in der sicheren Zone der hohen Häusern die kilometerlang den Strand flankierten, ab. Es herrschte eine ganz andere Atmosphäre hier, kühler, ein wenig künstlich und komplett anders als die belebte Altstadt. Die Riechen die aus ihrem Hochsicherheitsgoldkäfig mit bis zu 6 Wachmännern kamen blieben in ihren großen klimatisierten Autos mit getönten Scheiben bis sie im Shopping, ihrer Arbeitsstelle oder Fitnessstudio angelangt waren und so waren wir oft die einzigen die die Bürgersteige im schlechten Zustand entlangschritten. Auf einer nächtlichen Tour zum Essenrecyclen trafen wir den einzigen Straßenkünstler den wir bis dato gesehen hatten, er faszinierte die Augen der Autofahrer die auf das grün der Ampel warteten. Hugo war sofort sehr offen und lud uns zu sich nach Hause ein, er verdiente hier auf der Straße bis zu 80 Euro am Tag, mehr als die meisten Brasilianer in einer 6 Tage Woche verdienen. Später trafen wir dann Paulhino, einen ganz lieben Brasilianer aus dem Süden der uns zum schlafen in seine Wohnung einlud. Es war hier wo Nicola entschied wieder nach Haus zu gehen, die Reise abzubrechen und zu seiner Liebsten und seiner Familie zurückzukehren, es war zu schwierig seine Beziehung über die Ferne zu führen und da wir erwarteten noch viele Monate unterwegs sein bevor es wieder nach Europa geht schien das wohl die beste Lösung. Brasilien war in Freundenstimmung ihre Fußballmannschaften in Aktion zu sehen, alle Tankstellen, Restaurants, Bars, öffentliche und private Gebäude waren in die national Farben Grün und Gelb getaucht, so machten Benji und Ich uns aus der großen Stadt. Es war ein abrupter Abschied und komisch zu zweit zu sein, aber es war wichtig das sich Nicola wohl fühlt und auf sein Herz gehört hat.

Es war nicht leicht jemand zu finden der uns ins grüne Umland mitnehmen wollte, doch dann hatten wir unsere erste Mitfahrgelegenheit und danach begannen wir zu laufen, im satten grün des Staates Pernambuco. Als wir schon Kilometer gelaufen waren, niemand anhielt und wir nicht wirklich wussten wo wir waren fragten uns zwei Mädels auf einem Motorrad ob wir zu ihrem Dorf kommen wollten. Gerne nahmen wir die Einladung an und wurden herzlich von der armen Dorfgemeinschaft aufgenommen. Hier gab es keine Autos, nur vereinzelt sahen wir Motorräder und doch herrschte Angst, Metallgitter mit Schlössern waren an allen Fenstern und Türen angebracht. Noch nie hatten sich hier "Gringos" (Portugieseich für Ausländer) verirrt und wir waren die Attraktion Nr.1 im ganzen Dorf. Wir wurden in die Afro-Brasilianische Religion eingeweiht, spielten Domino und verbrachten eine schöne Zeit mit unser Gastfamilie. Wir lernten viel und am nächsten Morgen brachen wir auf um
weiter zu laufen, laufen bis wir endlich eine Art Autobahn fanden wo es auch gleich eine Raststätte gab. Am großen Rastplatz für LKW-Fahrer ließen wir uns nieder um eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Duzende Lkws waren hier auf engsten Raum gefercht und die Logistik schien uns ein Rätsel, bzw. ein Meisterwerk. Wir waren wieder unweit von Recife und es begann die Zeit des Wartens, hoffen und fragens. Wir sprachen mit vielen Brummiefahrern, versuchten unser Glück aber wir spürten das es wirklich nicht leicht war hier im Land der medialen Dauergewalt Vertrauen aufzubauen. Es gab genügend Essensreste auf den Tellern und es war WM-Zeit, so gabe es 2-3 Spiele pro Tag und das mensartige Restaurant war fast immer gefüllt. Am Abend des ersten Abends lernten wir Wilson kennen, einen betrunkenen, etwas verrückten aber lieben LKW-Fahrer der uns auch zum Essen einlud. In der Nacht ließ er uns dann auf seiner Ladefläche mit Dach schlafen.
Die Atmosphäre war nicht die schönste, die Gespräche der einfachen Fahrer drehten sich hauptsächlich um Sex, Frauen, Geld, Fracht, Autos oder Fußball; Alkohol und die Prostituierten waren die besten Freunde der wartenden Seelen die auch unter sich nicht viel miteinander zu tun hatten. Niemand verstand unsere tiefe Liebe zu unseren beiden Freundinnen und noch weniger unsere Treue zu ihnen. Als Brasilien spielte sahen und spürten wir die Faszination die der Fußball hier auf Frauen und Männer aus allen Gesellschaftsschichten ausübte. Alle fieberten jede Sekunde mit ihrem Team, Brasilien schien für einen Moment vereint, alle Sorgen waren vergessen und alle zusammen fühlten sich eins unter der besonders zu WM-Zeiten algegenwärtigen brasilianischen Flagge. Am Morgen der dritten Nacht weckte Benji mich mit den Worten: „Raphael wo ist mein Rucksack?“. Er sowie auch seine Kamera und unser Laptop waren geklaut, einfach nicht mehr da. Wir begannen zu fragen und in kürzester Zeit sprach die ganze Tankstelle über uns, es tat ihnen Leid, aber helfen konnten sie uns auch nicht. Als wir vom Internet zurückkamen wo wir kontrollierten ob evtl. jemand sich per Mail gemeldet hatte und wo das nächste Französische Konsulat sei, sahen wir nur noch die Rücklichter von dem LKW unseres „Freundes“ Wilson, mit ihm fuhren auch noch die letzten Kleider und der Schlafsack von Benji. Für meinen lieben Benji war es die Stunde Null, nur noch die Kleider am Leib blieben ihm und es schien unmöglich irgendwas wiederzubekommen, denn der Hauptverdacht fiel auf
unseren meist alkoholisierten Wilson. Alle rieten uns die Polizei zu verständigen und die kam dann auch, aber unsere gemeinsame Tour zu anderen Tankstellen blieb erfolglos. So landeten wir dann bei der Bundespolizei am Flughafen und es war das Schicksal was uns noch mal zu Nicola schickte, es war das Ende unser gemeinsamen Reise, des Dokumentarfilms, aber ein Neuanfang um nun noch leichter zu reisen, mental wie physisch, es war die Geburtsstunde von „Forward the (R)evolution“.

Hier gehts zum nächsten Artikel der Reise:
#15 Der Beginn der neuen Reise im Nordosten Brasiliens

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