Mittwoch, 14. Juli 2010

#13 Die Überfahrt nach Brasilien und die Entdeckung eines Paradieses


Der Wind blies uns mit voller Kraft in die richtige Richtung und schon bald hatten wir das MPS (Multifunktionssegel) gehisst was uns sogar noch schneller über den Atlantik bringen sollte. Das MPS war ein wunderschönes Segel in weiß-rot und um die 90qm² groß, es war einsetzbar bis maximal 25 Knoten (rund 50 km/h) und ließ die Fetse mit durchschnittlich 7-8 Knoten (11-12km/h) über das Meer gleiten. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 11 Knoten (17-18km/h) und alle drei hatten wir uns so gut an das Meer, an das schlingen und auf und ab gewöhnt das uns nicht mehr schlecht wurde, es war also wirklich der Anfangsschock auf der Reise von Afrika nach Fuerteventura und die extremen Wetterverhältnisse die unsere Mägen und Köpfe verdrehten. So genossen wir jeden Tag in vollen Zügen und da wir den Äquator in windeseile näher kamen wurde es immer heißer, die Sonne noch stärker und die erfrischenden Abkühlungen im wohl größten Swimmingpool der Welt häufiger. Hinten am Boot konnte man eine Leiter ins Meer lassen und an die wir uns dann dranhingen und so Dusche und Freude im Meer verbanden. Inzwischen wurde alles fast zur Routine, Nachtschichten, Putzen, Kochen, Wasser filtern, Abwaschen, Fegen, Schreiben und immer wieder Entspannen. Wir hatten viel Zeit zum nachdenken, zu diskutieren und philosophieren, das Meer, das Rauschen, die frische Luft, alles wirkte wie Balsam auf unsere Seele, Geist und Körper.

Neben Delfinen die uns immer wieder mal Gesellschaft leisteten und in der Buckwelle spielten und aus dem Wasser sprangen, sahen wir nur vereinzelt Möwen die wohl ein einsames Leben hier in Mitten des Meeres fristeten. Am häufigsten sahen wir die fliegenden Fische, ein Naturschauspiel wenn sich der ganze Schwarm aus dem Wasser erhebt und für 5-10 Sekunden über die Wellen gleitet bevor es wieder hinab in die weiten des Ozeans geht.Eines Tages machten Marco und Franseco aus dem aufblasbaren Schlauchboot ein kleines Plastikplanschbecken mit Seife und so genossen unsere beiden Kapitäne der eine in dem warmen Wasser und der andere in der Hängematte ihre Atlantiküberfahrt. Am gleichen Tag zogen die ersten Regewolken seit unser Zeit auf dem Boot auf, wir schlossen das Dach über der Chillecke des Steuers und bis auf Francesco der sich draußen befand waren wir alle im geschützten
Bereich. Es passierte als wir gerade inmitten einer Englischstunde mit Marco waren als es tatsächlich anfing zu regnen, doch die erfrischenden Tropfen wandelten sich schnell in einen starken Niederschlag und die Wolken wurden tiefschwarz. Das schlimmste war jedoch der Wind, denn plötzlich hatten wir Windgeschwindigkeiten von mehr als 55 Knoten (90-100km/h), viel zu viel für das MPS und so begann sich das Schiff zu neigen, stark, stärker bis man es mit der Angst zu tun bekommen hätte können. Das Boot neigte sich so sehr das der Mast fast das tobende Meer berührte und Francesco der sich immer noch draußen aufhielt verschwand quasi gänzlich im Wasser, nur sein Kopf war noch zu sehen und wir realisierten das wir in einer wirklich ernsten Situation waren. Alles passierte in Bruchteilen von Sekunden, wir wussten nicht was tun und sahen das Schiff vom Sturm in die andere Richtung sich neigen. Der Wind peitschte mit den Regentropfen auf die Fetse, da begann das große MPS zu reißen, denn es war immer noch gespannt und unter diesen Umständen fast unmöglich einzuziehen, wir wagten uns nach draußen, kappten die Seile des Segels und waren bemüht uns festzuhalten. Die Situation begann sich erst zu entschärfen als wir das MPS in Stücken aus dem Wasser an Bord zogen, die Stimmung war kritisch, wir wussten nicht wie stark der Mast gelitten hatte und was noch alles kaputt gegangen ist.
Erst am nächsten Tag sahen wir alle Schäden, zum Glück ging das GPS wieder, aber der Mast musste repariert werden. Wir hatten ein paar Dinge verloren und Marco machte sich alsbald an das flexen des Mastes um ihn wenigstens wieder halbwegs nutzen zu können. So ging es dann langsamer über den großen Teich und die Stimmung der Kapitäne war für 2 Tage angespannt, doch dann sprachen sie sich aus und alles war wieder gut. Wir zogen vorbei an traumhaften Wolkenkonstellationen die sich immer hier in der Äquatorzone bildeten. Regenbogen, Windstille, entfernte Windhosen und immer wieder wunderschöne tropische Regenergüsse standen nun an der Tagesordnung, hin und wieder entdecken wir Regenbögen von einem Ende des Horizontes bis zu anderen, ein Traum. Wir nahmen Kurs auf Fernandho de Norohna, einer kleinen Insel rund 250km vor Brasiliens Küste gelegen, um Wasser zu tanken, was mittlerweile knapp geworden war und um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Die Tage verflogen wie die tausenden verschieden Wolkenkonstelationen und dann erreichten wir auch schon die einsame Trauminsel die erst seit 11 Jahren dem Tourismus beschränkt die Türen geöffnet hatte. Es schien als ob wir in einem Paradies gelandet seien, Vögel die wir noch nie gesehen hatten gleitetden über atemberaubende Felsformationen, weiße Strände mit Palmen und dichtesten Regewald der die ganze Insel wie mit einer grünen Decke bedeckte. Mit strikten Regeln und rund 40€ Kosten pro Tag für Touristen wird der Fremdenverkehr begrenzt und somit der Nationalpark beschützt, es gibt keine Hotels nur kleine Unterkünfte, die Anzahl der Autos ist begrenzt und zur Show gibt es sogar 4 bunte Mülltonnen – die sind aber wirklich purer Schein.

Nur durch Glück weil wir nicht gleich zur Imigrationspolizei gegangen sind konnten wir einen vollen Tag auf „Little Paradies“ genießen und uns in dem glasklaren Wasser baden und die endlosen Strände und die einzigartigen Vegetation mit allen unseren Sinnen verinnerlichen. Die nächsten Tage warteten wir dann auf der Fetse und entdeckten so von Boot aus die Pracht der Natur, wir putzten unser Schiff von Innen und Außen und staunten über die so kontinuierlich schönen Sonnenuntergänge. Dann waren es nur noch 2 Tage per Segelfahrt bis zum erreichen vom Amerikanischen Kontinent. Hinter uns lagen fast einen Monat Bootsleben, 4100km, 600l Diesel die der Motor verbraucht hat und unvergessliche Momente. Lateinamerika, da lag es vor uns, wir schliefen noch eine Nacht auf dem Boot in dem Hafen von Recife um am Morgen noch mal eine Generalüberholung der Fetse zu machen. Als dann alles blitze blank war, gewaschen, gereinigt und an seinem Platz war, verabschiedeten wir uns von unseren großen Kapitänen die uns sicher auf die andere Seite gebracht hatten, viel Geduld mit uns hatten und die größte Hilfe
der Reise waren. Als Fazit kann man sagen das Segeln eine wunderbare Fortbewegungsmethode ist, auch um große Distanzen zu überbrücken, ökologisch ist das aber nicht automatisch, denn wir haben verstanden das leider auch von Segelbooten zu viel Müll absichtlich oder unabsichtlich ins Meere gelangt, desweiteren sind Farbe, Lack und auch die Abgase vom Schiff umweltschädlich und noch nicht ganz zu vermeiden. Immerhin ist die Forschung dabei Materiallilien zu
entwickeln die weniger bzw. garnicht mehr schädlich sind und Windgeneratoren und Sonnenkollektoren gibt es ja schon heute. Das fragwürdigste ist die schiere Masse an Material die das ganze Schiff in Anspruch nimmt, wenn diese Materie nicht geteilt wird oder herumwartet leidet die Umwelt sogar ohne das damit wirklich eine positive Ökobilanz entstehen kann.
Wir waren froh wieder in absoluter Freiheit zu sein, Menschen zu sehen,
Kultur zu entdecken und Esse zu recyceln zu können. Nach der beschränkten Laufmöglichkeit auf dem Schiff hieß es nun wieder marschieren und so begannen wir dieses farbenfrohe, musikalische und lebensfrohe Brasilien zu entdecken.

Hier gehts zum nächsten Artikel der Reise:
#14 Brasilien und der Wechsel der Reise

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