Samstag, 3. Juli 2010

#2 Algacira und die ersten Tage in Marokko

Nach knapp drei Wochen, 30 verschieden Autos und hundertden Menschen unsere Reise
bereicherten erreichten wir Algacira, eine spanische Stadt neben Gibraltar und in Sichtweite von Afrika. Das Ambiente der kleinen verwinkelten Küstenstadt hatte schon viel Einfluss von der anderen Seite erfahren, von Marokko; von wo aus die Kanarischen Insel nur einen Steinwurf entfernt lagen. Es war die erste und einzige Nacht in Europa unter freiem Sternenhimmel, das Klima und eine offene Tür die zu den Sternen führte machte es möglich. Am nächsten Tag galt es einen Weg zur anderen Seite zu finden, einen der umsonst ist und legal. Es taten sich zwei Möglichkeiten auf, die eine war kostenlos in einem Auto, welches noch Sitzplätze frei hatte mitzufahren, denn es gibt Fährentarife wo man mit Auto zum gleichen Preis ein bis vier Personen mitnehmen kann.

Der zweite Weg schien jedoch attraktiver und einfacher und so fanden wir drei liebe LKW Fahrer aus Deutschland, der Schweiz und Marokko die uns als Zweitfahrer kostenlos mitnahmen. Der Clou war, dass im LKW-Tarif ein Buffet auf der Fähre mitinbegriffen war, so speisten wir drei an
festlich gedeckten Tischen mit den anderen Brummiefahrern
und amüsierten uns köstlich. Es war ein großer Moment, die Ankunft in einem neuem, den dreien noch unbekannten Land, einer ihnen noch fremden Kultur, es war der erste Schritt in die Arabische Welt. Wieder auf festen Boden stiegen die drei in ein Taxi, aber nicht irgendeines sondern einem alten Mercedes 240D der hier auch als Zombie beschrieben wird, denn er wurde in Deutschland geboren und stirbt über die Jahrzehnte peu a peu in ganz Afrika. Die Marokkaner lieben ihn weil er arbeitet wie ein Tier, viele Modelle dieses breiten Autos sind schon viele Millionen Kilometer gefahren und das mit einem Motor und immer der Möglichkeit hinten vier und vorne drei Personen Platz zu schenken. Bevor das Abenteuer jedoch seinen Lauf nahm genoss die Locomotive Renes Gastfreundschaft, der schweizer Fahrer bei dem sie die erste Nacht in Afrika verbrachten. Am nächsten Tag wurde sein Garten zur Enklave der Europäer unweit von Tanger entfernt, es wurde gegrillt, gelacht und obwohl das Haus mitten in Marokko
lag, fühlten wir uns doch noch weit von dem eigentlichen Maghreb entfernt. Sie wurden gewarnt vor den Dieben, der Listigkeit der Leute, dem Interesse für Geld und einer Kultur die nicht zu teilen weiß. All das negative und ängstliche wich aus unserem Köpfen wie im Flug als sich die Tore des Europäers hinter uns schlossen.
Das erste Auto auf der noch unasphaltierten Straße stoppte schon nach wenigen Minuten. Die letzten Kilometer ins Zentrum der einst international kontrollierten Stadt gingen wir per Pedes, viele Bauruinen ragten rechts und links auf der gut befahrenen Einfahrtstraße Tangers in die Luft. Viele Marokkaner sprachen uns noch schüchterne Reisende an und empfingen uns mit lachenden Gesichtern, interessierten Ohren und sprachbegabten Zungen, es war eine wunderbare Atmosphäre und wir spürten dass nicht viele Europäer diesen Teil der Stadt besuchten.
Da war es, Marokko lag vor unseren Augen, eine farbenfrohes Durcheindander, Menschen die sich mit Respekt und Anerkennung begegneten, das Straßenbild war geprägt von der Präsenz der Männer die Cafés, Läden und Straßen füllten. Wir genossen die Atmosphäre dieser reichen Kultur, lauschten und beobachteten, staunten und lachten, viele Menschen hatten uns über dieses Land erzählt und doch schien es uns ein Mysterium was wir selber erkunden, begreifen und verstehen wollten. Unsere Augen öffneten sich schnell für die Freundlichkeit und Menschlichkeit die die Marokkaner in ihrem Herzen tragen, wir fühlten uns nicht wie ein einfacher Besucher im Museum, in einem fremden Land, sondern wie Menschen die von anderen Menschen mit offenen Armen und Herzen sowie Interesse begrüßt wurden. Die erste Nacht führte uns zu einer Unterkunft, es war schon fast Mitternacht und obwohl der Angestellte des Hotels seitens des Chefs kein Recht hatte uns zu helfen bot er uns an die Nacht in einem Zimmer zu verbringen. Bevor er uns allerdings zu unseren Betten führte fragte er ob wir etwas rauchen wollten und so organisierte er noch schnell ein bisschen "Chocolate", so wird der Haschisch der hier unweit in den Bergen angebaut wird und weite Teile Europas beliefert, genannt. Ein neuer Tag begann und es war ein besonderer, Nicolas Geburtstag. Magie, Schicksal oder das Gesetz der Anziehungskraft hatte uns diese traumhafte Nacht beschert. Wir lernten gleich zwei wichtige Dinge in dieser ersten wirklichen Nacht in Marokko. Der Angestellte des Hotels war wie die allermeisten Marokkaner Muslim und erklärte uns dass im Koran geschrieben steht, dass man jeden Reisenden oder Fremden gleich seiner Herkunft oder Religion mindestens drei Tage Unterkunft und Hilfe gewähren soll, was das heißen soll vermochten wir noch nicht zu ahnen, aber wir waren erfüllt und begeistert von der Einstellung und von all den der darausfolgenden Taten die soviel wichtiger sind als alles gute Gerede. Alles passierte wie im Fluss und der Spanier den wir zuvor auf der Straße getroffen hatten und der uns zum Hotel geführt hatte, erzählte uns noch eine eine Geschichte die für unsere Reise, ja für das Leben soviel Wahrheit bedeuten sollte: Es war einmal ein Mann der Wasser aus einem Brunnen schöpfte, der Brunnen stand am Anfang von einem kleinen Dorf und neben dem Brunnen saß ein weiterer Bewohner der Ortschaft. Ein Reisender kam des Weges und fragte den Mann am Brunnen: "Wie sind die Menschen hier in dem Ort?". Daraufhin antwortete der Mann am Brunnen mit einer Gegenfrage: "Erzähl mir du wie die Menschen sind wo Du herkommst". Der Fremde antwortete: "In meiner Stadt sind die Menschen sehr individualistisch, unfreundlich, hektisch und egoistisch". Daraufhin antwortete der weise Mann am Brunnen: "Auch hier in unserem Dorf sind die Menschen hektisch, unfreundlich und egoistisch". Der Reisende zog seines Weges und kurz darauf kam ein zweiter Fremder zu dem Mann am Brunnen und fragte das Gleiche: "Erzähle mir mein Freund, wie sind Deine Brüder und Schwestern hier in diesem Ort?". "Erzähl Du mir wie die Menschen sind wo du herkommst Bruder", erwiderte der alte Mann am Brunnen. "In meiner Stadt leben wir wie eine große Familie, alle Menschen sind freundlich, helfen einander wo sie können und sind immer freundlich und offen". Der alte Mann lächelte und antwortete mit einem Lächeln auf seinem Gesicht: "Auch hier in unserem Ort leben wir wie als Familie, alle Menschen sind hilfsbereit, freundlich und offen." Als der Mann am Brunnen und der andere Bewohner des Ortes wieder alleine waren fragte der Mann den Weisen am Brunnen: "Mein Lieber Freund, erkläre mir wieso Du in kurzer Zeit zwei so unterschiedliche Geschichten über unseren Ort erzählst?" Strahlend antwortete der Alte: "Ich habe beiden Reisenden die Wahrheit erzählt, denn jeder Mensch findet im Leben dass was er mitbringt". Die Geschichte bewegte unsere Herzen, erklärte sie doch in wenigen Sätzen so viel Wahrheit und das was wir leben! Jeder Mensch, jeder Moment, jeder Ort, Stadt, Land oder Kultur ist Licht und wenn Du es suchst dann findest Du es. Manchmal dauert es länger, manchmal ist es vergraben, bedeckt, versteckt doch es ist immer da, wie das Licht der Sonne was auch manchmal nicht sichtbar ist aber dennoch immer präsent in unserem Universum. Unser Reiseziel ist das Licht und das Gute in den Menschen, der Erde zu finden und selber zu leuchten, denn wenn wir leuchten fällt es unserem Nächsten auch einfacher zu leuchten. Licht und Schatten gibt es überall und doch kann selbst die kleinste Flamme einer Kerze den dunkelsten Raum mit Licht durchfluten, der Schatten kann das nicht. So zogen wir weiter, erfüllt im Herzen und mit einem Lächeln auf den Lippen, Willkommen Marokko, Willkommen auf der Erde, Willkommen im Paradies Erde!

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